Themenwelt: Informieren
Lost in information?
Mehr als 1,7 Millionen Artikel zu allen möglichen und unmöglichen Themen bietet die deutsche Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Unzählige Nachrichtenseiten, Blogs und „Möchtegern“-Lexika verbreiten mehr oder weniger seriöse Informationen. Nicht ohne Grund spielt das Internet eine immer bedeutendere Rolle als Informationsquelle für Laien. Wenn Eltern zum Beispiel wissen möchten, wann Fernsehkonsum für Kinder gefährlich sein kann, suchen sie heutzutage vermutlich zuerst online nach Informationen.
Lost in information

Das interdisziplinäre Forschungsteam der Psychologin Nicole Krämer und des Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Stephan Winter untersucht, wie sich Laien im Netz, insbesondere im Web 2.0, zu komplexen Wissenschaftsthemen informieren. Dabei interessieren sie sich besonders für die Kriterien, nach denen Nutzerinnen und Nutzer Inhalte auswählen, und dafür, wie sie sich anhand der zum Teil widersprüchlichen Informationen zu wissenschaftlichen Streitfragen eine Meinung bilden. Denn angesichts der umfangreichen, prinzipiell hilfreichen Inhalte im Netz besteht die Gefahr, in der Masse den Überblick zu verlieren. Oft stehen Laien vor dem Problem, selbst einschätzen zu müssen, wie gut eine Information ist und wie glaubwürdig verschiedene Quellen sind. Um herauszufinden, wie Nutzerinnen und Nutzer Artikel auswählen und bewerten, haben Krämer und Winter das Thema „Gewalt in den Medien“ gewählt.

Laien sind auch gegenüber komplexen Informationen aufgeschlossen

Das Forscherteam hat in verschiedenen Experimenten beispielsweise beobachtet, dass Laien durchaus offen für komplexe Wissenschaftsinformationen sind, sofern das Thema sie interessiert oder für sie relevant ist. So wählten Eltern in einem Blog zu „Gewalt in den Medien“ mit sehr diversen Texten und Quellen vor allem mehrseitige, ausgewogene Artikel aus: Beispielsweise Texte wie „Fernsehen im Kinderzimmer: Pro und Contra“ mit verschiedenen Standpunkten und auch Unklarheiten des Forschungsstands. Dieser Befund zerstreut die Befürchtung, dass Nutzer im Web 2.0 vorwiegend nach simplen Informationen suchen.

Angesichts der Vielzahl,
prinzipiell hilfreicher Inhalte
im Netz besteht die Gefahr,
den Überblick zu verlieren.

Außerdem beobachteten Krämer und Winter eine große Skepsis vor allzu klaren Formulierungen wie „Es kann ohne Zweifel ausgesagt werden, dass…“. Eine solche Aussage führt eher dazu, dass der Inhalt angezweifelt wird. In Sachen Meinungsbildung führt die Präferenz für mehrseitige und komplexe Texte nicht zwangsläufig dazu, dass der Inhalt richtig verarbeitet wird. So übernahmen weniger wissbegierige Leserinnen und Leser und solche mit einem eher naiven Wissenschaftsverständnis die vorherrschende Meinung fast ohne die Gegenargumente zu beachten.

Anbieter sollten Qualität
und Quellen wissenschaftlicher
Informationen offenlegen.

In einem nächsten Schritt wollen Krämer und Winter prüfen, ob Nutzerinnen und Nutzer mit mehr Medienkompetenz Wissenschaftsinformationen besser verarbeiten können. Denn der richtige Umgang mit den umfangreichen Informationen im Web 2.0 wird in der digitalen Gesellschaft immer wichtiger – und mit ihnen ein Training dieser Fähigkeiten. Aber auch die Anbieter von Wissenschaftsinformationen sollten nach Meinung von Krämer und Winter aktiv werden: Zum einen müssen sie Qualität und Quellen der wissenschaftlichen Informationen offenlegen. Zum anderen können sie aber damit rechnen, dass Rezipientinnen und Rezipienten grundsätzlich auch für komplexe Wissenschaftsinformationen aufgeschlossen sind. Das sollte sie dazu animieren, weniger zu vereinfachen und stattdessen auch unübersichtliche und widersprüchliche Befunde transparent zu thematisieren.

Steckbrief

Name des Projekts: Determinanten der Selektion und Einstellungsbildung bei der Rezeption
von Wissenschaftsinformationen im Internet

Standort: Universität Duisburg-Essen

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Nicole C. Krämer; Dr. Stephan Winter

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“

Förderung: seit 2009

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