Themenwelt: Informieren
Prof. Dr. Otto Normal rät...
Ob Schlaganfall, Depression oder Hautausschlag – im Netz finden sich Diskussionen zu nahezu jedem medizinischen Thema. Viele Betroffene nutzen Internetforen um sich über Behandlungsweisen, Symptome, Diagnosen, Nebenwirkungen oder auch Strategien im Umgang mit Krankheiten auszutauschen. Auf diese Weise entsteht aufseiten der betroffenen Laien eine spezifische Art des (wissenschaftlichen) Wissens.
Prof. Dr. Otto Normal rät...

Die Soziologin Nicole Zillien und die Kommunikationswissenschaftlerin Gianna Haake untersuchen am Beispiel der Reproduktionsmedizin, wie sich Laien im Internet wissenschaftliches Wissen aneignen und dieses verbreiten. Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftlerinnen 32 Leitfadeninterviews mit Frauen und Männern mit unerfülltem Kinderwunsch durchgeführt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines reproduktionsmedizinischen Internetforums online befragt und ausgewählte Diskussionsbeiträge eines entsprechenden Forums inhaltsanalytisch untersucht.

Laien werden durch ihre persönlichen Erfahrungen zu Experten

Ein zentrales Projektergebnis ist, dass das in den Foren vermittelte Wissen spezifische Qualitäten aufweist: Die befragten Kinderwunschpatientinnen und -patienten werden meist innerhalb kurzer Zeit zu Experten in eigener Sache. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen verfügen sie vielfach über ein ausgeklügeltes System reproduktionsmedizinischen Wissens. Dieses ist durch Handlungsorientierung, Alltagsrelevanz und persönliche Erfahrung geprägt und somit zur Weitergabe an andere Betroffene prädestiniert.

Im eher informellen Austausch
unter Patienten verlieren die
wissenschaftlichen Erkenntnisse
an Komplexität.

Im eher informellen Austausch unter Patienten verlieren die wissenschaftlichen Erkenntnisse an Komplexität. Die im Zuge der Erfahrungsberichte vermittelten Informationen werden als nachvollziehbar und verständlich angesehen. Viele Forenbeiträge verbinden zudem sachliche Information mit Empathie, wodurch sie zwei der dringlichsten Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten befriedigen – das nach anwendungsorientiertem Fachwissen und jenes nach emotionaler Unterstützung.

Anders als wissenschaftliche Studien beziehen sich die erfahrungsbasierten Informationen jedoch primär auf einen einzelnen, den eigenen Fall, was Risiken birgt. Dennoch werden die im Forum weitergegebenen Informationen im Kern als wissenschaftliches Wissen kommuniziert. Das zeigt beispielsweise die von den Betroffenen genutzte Fachsprache und die geringe Relevanz nicht schulmedizinischer Behandlungsformen.

Die Foreneinträge verbinden
anwendungsorientiertes Fachwissen
mit emotionaler Unterstützung.

In der Informations- und Wissensgesellschaft gewinnt das Erfahrungswissen der expertisierten Laien zunehmend an Relevanz. Dies geht allerdings nicht mit einem Vertrauensverlust in das Wissen der herkömmlichen Experten einher. Die Patienten und Patientinnen nutzen vielmehr selbstbewusst, eigenständig und an pragmatischen Alltagsfragen ausgerichtet all das ihnen zur Verfügung stehende Wissen – sei es von anderen Betroffenen oder von professionellen Medizinern. So gewinnt der Wissensaustausch unter Laien an Bedeutung, ohne dass das Wissen der herkömmlichen Experten untergraben wird.

Steckbrief

Name des Projekts: Wissenschaftsvermittlung in Internetforen zur Reproduktionsmedizin

Standort: Universität Trier

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Dr. Nicole Zillien; Gianna Haake, M.A.

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“

Förderung: seit 2009

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