Themenwelt: Informieren
Richtig oder falsch?
Ob Stammzellforschung, Gen-Mais oder Grippeimpfung – im Internet können wir uns zu kontroversen Themen informieren. Doch oft stoßen wir dort auch auf widersprüchliche Antworten. Wie sollen wir entscheiden, was richtig ist, und uns eine Meinung bilden, wenn wir kein oder nur wenig Vorwissen zu einem Thema haben?
richtig-oder-falsch

Die Münsteraner Psychologen Rainer Bromme und Marc Stadtler untersuchen gemeinsam mit ihren Kolleginnen Eva Thomm und Lisa Scharrer, wie gut Menschen Wissenschaftsinformationen aus dem Internet verstehen. Sie betrachten, welche Faktoren bei den Leserinnen und Lesern selbst, bei den Texten und beim Lesekontext das Verstehen und Bewerten beeinflussen. Eines ihrer Experimente simuliert eine Internetrecherche: Junge Erwachsene mit geringen Vorkenntnissen über ein Thema suchen in teilweise widersprüchlichen Texten nach Expertenmeinungen, um eine informierte Entscheidung treffen zu können. Nach der Lektüre der Wissenschaftstexte testen die Forscherinnen und Forscher beispielsweise, wie gut sich die Untersuchungsteilnehmer an widersprüchliche Inhalte erinnern und diese von einhelligen Aussagen trennen können.

In einer anderen Studie misst das Team, wie sehr Laien Behauptungen aus einem wissenschaftlichen Text zustimmen, wie sicher sie sich in ihren Bewertungen sind und ob sie gerne weitere Experten zur Klärung der Fragen hinzuziehen würden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfolgen die Blickbewegungen der Studienteilnehmenden beim Lesen und können dadurch besonders detailliert analysieren, was zu Unterschieden im Themenverständnis und der Informationsbewertung führt.

Möglichst leicht verständlich – aber nicht zu leicht

Die Studien der Münsteraner Forschungsgruppe zeigen zunächst, dass Laien nach dem Lesen oft nur unzureichend zwischen widersprüchlichen und eindeutigen Behauptungen trennen können. Analysen der Blickbewegungen während des Lesens zeigen interessanterweise, dass Leser die Konflikte während des Lesens zunächst entdecken. Um sich jedoch dauerhaft zu merken, worüber Wissenschaftler streiten, bedarf es mehr: Nur diejenigen Leserinnen und Leser, die sich infolge der Konfliktentdeckung vertieft mit den strittigen Behauptungen und ihren Erklärungen auseinandersetzen, sind später in der Lage, diese auch zu berichten.

Laien erwarten von der Wissenschaftsberichterstattung vor allem, dass sie möglichst leicht verständlich ist. Allerdings zeigten die Studien, dass zu stark vereinfachte Texte über eigentlich hochgradig komplexe Themen auch kein Vorteil sind. Denn bei vergleichsweise einfachen Darstellungen überschätzten die Studienteilnehmer eher ihre Fähigkeit, über die Gültigkeit komplexer wissenschaftlicher Aussagen selbstständig zu urteilen. Dies wurde deutlich, als sie nach dem Lesen der Texte zu wissenschaftlich kontroversen Thesen gefragt wurden, ob sie weiteren Expertenrat benötigen, um zu beurteilen, welche der Aussagen zutreffender sein könnte.

Das Projekt der Münsteraner Wissenschaftler greift gleich zwei zentrale Fragen auf: einerseits wie die einfach verfügbaren wissenschaftlichen Informationen bei den Leserinnen und Lesern ankommen; andererseits wie abhängig jede und jeder Einzelne vom Wissen anderer ist. Beides ist Ausdruck einer modernen Wissensgesellschaft, in der es immer wichtiger wird, das Wissen anderer zu nutzen, Informationen auszuwählen und diese zu bewerten.

Steckbrief

Name des Projekts: Kognitive Arbeitsteilung und die Integration von Informationen bei der Rezeption
multipler Dokumente im Internet

Standort: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Rainer Bromme; PD Dr. Marc Stadtler; Dr. Lisa Scharrer; Dr. Eva Thomm

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“

Förderung: seit 2009

NACH OBEN