Themenwelt: Informieren
Wir haben es schon immer gewusst
Wikipedia ist 13 Jahre nach ihrer Gründung nicht nur die größte Wissenssammlung der Welt, sondern auch eine der am häufigsten aufgerufenen Internetseiten. Menschen nutzen Wikipedia, um zu einem Sachthema zu recherchieren. Sie können aber auch selbst beitragen, indem sie einen Wikipedia-Artikel schreiben.
Wir haben es schon immer gewusst

Im Alltag greifen viele auf wissenschaftliche Hintergrundinformationen zurück, um sich Ereignisse oder Phänomene zu erklären. Häufig sind die Auskünfte jedoch nicht eindeutig oder widersprechen sich sogar. Laien müssen daher, bewusst oder unbewusst, Strategien einsetzen, um mit dieser Vielfalt umzugehen. Am Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia untersuchen die Psychologinnen und Psychologen Aileen Oeberst, Steffen Nestler, Ulrike Cress und Mitja Back zwei Phänomene, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen: den „Rückschaufehler“ und „soziale Kategorisierungsprozesse“.

Häufig sind wissenschaftliche
Informationen nicht eindeutig
oder widersprechen sich sogar.

Der Rückschaufehler bezeichnet die Tendenz, das Eintreten eines Ereignisses im Nachhinein als zwangsläufiger und vorhersehbarer wahrzunehmen als zuvor. Eine typische Aussage wäre: „Es war doch klar, dass es in Fukushima zu einer Nuklearkatastrophe kommt!“ Der Rückschaufehler entsteht bei der Suche nach Erklärungen für ein Ereignis. Dabei konzentrieren sich Menschen typischerweise nur auf solche Informationen, die für das Eintreffen sprechen. Alles, was in eine andere Richtung (hätte) deuten könnte, wird ignoriert. Soziale Kategorisierungsprozesse spielen vor allem bei kontroversen Themen eine Rolle. Typischerweise lassen sich die beteiligten Personen in die Kategorien „Gegner“ oder „Befürworter“ einteilen. Das führt dazu, dass Informationen aus der eigenen Gruppe besonders glaubwürdig scheinen, während die der Gegenseite abgetan werden.

Möglichst leicht verständlich – aber nicht zu leicht

Den Rückschaufehler konnte das Forscherteam bei Wikipedia zum Beispiel in Artikeln zum Kernkraftwerk in Fukushima nachweisen. Wikipedia-Artikel, die nach dem Reaktorunfall entstanden, vermittelten viel stärker den Eindruck, dass das Ereignis unausweichlich war, als Einträge, die bereits vor der Katastrophe bestanden. Dasselbe passierte auch bei den Rezipienten: Leserinnen und Leser von jüngeren Wikipedia-Artikeln zu Fukushima nahmen den Ausgang als zwangsläufiger und vorhersehbarer wahr als die, die keinen oder vor dem Ereignis entstandene Artikelversionen gelesen hatten. Dieser Effekt zeigte sich jedoch nicht bei allen untersuchten Artikeln. In gerade laufenden Studien gehen die Forscherinnen und Forscher deshalb unter anderem der Frage nach, ob der Rückschaufehler nur bei bestimmten Arten von Ereignissen auftritt, ob beispielsweise Artikel über technische Katastrophen wie in Fukushima besonders „anfällig“ sind.

Der Rückschaufehler entsteht
bei der Suche nach Erklärungen
für ein Ereignis.

Seine Forschungsergebnisse wird das Team aus Münster und Tübingen der Wikimedia Foundation, den Betreibern von Wikipedia, sowie den Autoren zur Verfügung stellen, um sie für bislang unbeachtete Einflüsse wie den Rückschaufehler zu sensibilisieren. Falls die Forscher Maßnahmen finden, die helfen, solche Effekte zu vermeiden oder zu reduzieren, sollen auch diese in Wikipedia einfließen. Schließlich ließe sich damit die Qualität einer wichtigen Informationsquelle steigern, die täglich eine große Zahl von Menschen der digitalen Gesellschaft nutzen.

Steckbrief

Name des Projekts: Rezeption und Produktion wissenschaftlicher Informationen in Wikipedia:
Der Einfluss des Rückschaufehlers und sozialer Kategorisierungen

Standort: Leibniz-Institut für Wissensmedien, Westfälische Wilhelms-Universität

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Dr. Aileen Oeberst; Dr. Steffen Nestler; Prof. Dr. Ulrike Cress; Prof. Dr. Mitja Back

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“

Förderung: seit 2014

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