Themenwelt: Aufpassen
Was ich nicht weiß,
        macht mich nicht heiß
Generation Facebook: Sie „posten“, „liken“ und „sharen“, und das alles mit nur wenigen Mausklicks. Vor allem für junge Menschen gehören soziale Netzwerke mittlerweile ganz selbstverständlich zum Leben. Bei der alltäglichen „Selbstoffenbarung“ verlieren allerdings viele den Blick für die Risiken, die die Preisgabe ihrer persönlichen Daten mit sich bringen kann.
Was ich nicht weiß,
        macht mich nicht heiß

Die Psychologin Ricarda Moll untersucht gemeinsam mit ihren Kollegen Stephanie Pieschl und Rainer Bromme in zwei aufeinander aufbauenden Schritten, wie Nutzerinnen und Nutzer ihre Selbstoffenbarung im Internet und die damit verbundenen Risiken einschätzen und was sie tatsächlich darüber wissen.

Viele der befragten
Jugendlichen unterschätzten,
wie viele Menschen ihre
privaten Informationen
abrufen können.

Im ersten Schritt geht es um das konkrete Wissen der Nutzer über online preisgegebene Informationen und deren Publikum. Außerdem wollen die Forscherinnen wissen, ob die Nutzer einschätzen können, ob ihre Wahrnehmung mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Im zweiten Schritt überprüfen die Forscherinnen, was Privatheit in einer digitalisierten Welt überhaupt heißt. Die Menschen tendieren dazu, sich an aktuellen Geschehnissen und Debatten zu orientieren. So könnten Berichte über groß angelegte Abhöraktionen und Datenspionageprogramme dazu führen, dass viele glauben, mit ihren persönlichen Informationen in der Masse unterzugehen. Mit diesem Vertrauen in die „kollektive Privatheit“ könnten wiederum die Risiken der Selbstoffenbarung in den Hintergrund treten.

Diskrepanz zwischen Glauben und Wissen

Ergebnisse hat das Projekt bereits für den ersten Schwerpunkt erbracht. Eine Befragung von Schülerinnen und Schülern ergab, dass sich die Jugendlichen zumindest kurzfristig gut daran erinnern konnten, welche Informationen sie online preisgegeben hatten. Schwerer fiel es ihnen jedoch, korrekt anzugeben, welches Publikum die entsprechenden Informationen sehen konnte. So unterschätzten viele der Befragten, wie viele Menschen ihre „Selbstdarstellung“ abrufen können, entweder weil sie vergessen hatten, welche Publikumskategorie sie gewählt hatten oder weil sie nicht wussten, was auf ihrem Profil voreingestellt war. Andererseits hielten sie bestimmte Informationen für öffentlicher, als diese tatsächlich waren. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führen diesen Effekt auf die komplizierten Optionen und Einstellungen zu Privatheit in den sozialen Netzwerken zurück.

Übersteigertes Vertrauen in das
eigene Wissen kann dazu beitragen,
persönliche Informationen relativ
bedenkenlos preiszugeben.

Doch die Forscherinnen und Forscher haben nicht nur das Wissen der Jugendlichen abgefragt, sondern auch, wie gut diese ihr eigenes Wissen einschätzen konnten. Das Ergebnis: Die eigene Einschätzung des Wissens wich stark von der Realität ab – das sogenannte metakognitive Wissen war sehr gering ausgeprägt. Das bedeutet, dass viele der befragten Jungen und Mädchen glaubten, dass sie ihre „Selbstoffenbarung“ auf Facebook im Griff haben – was leider nicht stimmt. Die Forscherinnen und Forscher glauben, dass dieses übersteigerte Vertrauen in das eigene Wissen dazu beiträgt, persönliche Informationen relativ bedenkenlos online preiszugeben.

Indem es Aspekte des „Vertrauens“ im Umgang mit sozialen Netzwerken beleuchtet, leistet das Münsteraner Forschungsprojekt einen wesentlichen Beitrag dazu, die bewusste Selbstbestimmung des Einzelnen in einer digitalisierten Gesellschaft zu erforschen und zu fördern. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Ressource für die zukünftige Entwicklung von Bildungsprogrammen zur digitalen Kompetenz und das intelligente Kommunikationsverhalten in sozialen Medien.

Steckbrief

Name des Projekts: Metacognitive Factors of Self-Disclosure in Online Social Networks

Standort: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Dipl.-Psych. Ricarda Moll; Dr. Stephanie Pieschl; Prof. Dr. Rainer Bromme; Prof. Dr. Thorsten Quandt

DFG-gefördert im Programm: Graduiertenkolleg 1712 „Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt“

Förderung: seit 2012

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