Themenwelt: Aufpassen
Nicht ohne mein iPhone
Computerspiele sind gefährlich! Das Internet verdirbt die Jugend! Soziale Medien sind die Droge der jungen Generation! Stimmt das Klischee über Jugendliche, die ihren Freundeskreis oder ihre Körperpflege vernachlässigen, weil sie Tag und Nacht vor dem Rechner oder der Konsole sitzen? Was ist dran am Hype „Internetsucht“?

Dieser Frage gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um den Psychologen Christian Montag nach. Internetsucht definieren die Forscherinnen und Forscher dabei als den exzessiven Umgang und die ständige gedankliche Beschaäftigung mit diversen Inhalten des Internets, wie etwa Online-Computerspielen oder sozialen Netzwerken.

Das Projekt besteht aus drei Teilen: Zum einen untersucht die Arbeitsgruppe des Psychologen Frank Spinath, ob Internetsucht erblich ist. Sie wollen mit einer Zwillingsstudie ermitteln, welche Rolle die Gene respektive die Umwelt spielen. Außerdem will das Forscherteam klären, ob Online-Computerrollenspiele wie „World of Warcraft“ das Gehirn verändern. Dazu nutzen sie bildgebende Verfahren, wie die Magnetresonanztomografie (MRT). Und eine dritte Frage beschäftigt sich mit dem Mobiltelefonverhalten. Hier wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüfen, ob aus Smartphone-Daten Vorhersagen über den psychischen Zustand einer Person möglich sind.

Ist Internetsucht erblich?

Zwillingsstudien nutzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer dann, wenn es darum geht, festzustellen, inwieweit unsere genetische Grundausstattung oder unsere Umwelt unser Verhalten beeinflussen. Denn der Vergleich von ein- und zweieiigen Zwillingspaaren macht sowohl den Einfluss der Gene als auch geteilter und nicht geteilter Erfahrungen sichtbar. Die Bonner Forscher möchten 400 Zwillingspaare, davon jeweils 200 ein- und 200 zweieiige Zwillinge, sowie weitere 200 Geschwisterpaare für ihre Forschung gewinnen. Für ein möglichst differenziertes Bild erfasst eine Online-Befragung alle relevanten Parameter: Von umfassenden Persönlichkeitsmerkmalen, dem allgemeinen Internet- und Computerspielverhalten sowie dem Verhalten in spezifischen Bereichen – wie in sozialen Netzwerken oder beim Online-Shopping. Außerdem werden Angaben zum sozialen Umfeld und zur Empathiefähigkeit sowie zu Alkoholkonsum und Rauchverhalten abgefragt.

Dass es eine Verbindung zwischen Nikotin- und Internetsucht gibt, haben die Wissenschaftler bereits in Vorarbeiten herausgefunden. Dabei konnten sie eine genetische Variation identifizieren, die bei Rauchern wie bei Internetsüchtigen vermehrt auftritt.

Eine molekulargenetische Studie aus Asien zeigt hingegen bei Internetsüchtigen einen bestimmten DNA-Abschnitt, der auch mit Depressionen in Verbindung steht. Daher vermuten die Bonner, dass es unterschiedliche Typen von Internetabhängigen geben könnte: Solche mit Depressionshintergrund und solche, bei denen eher impulsives Handeln wie bei Nikotinsüchtigen im Vordergrund steht.

Machen Online-Computerspiele süchtig?

Verändert das Online-Computerrollenspiel „World of Warcraft“ die Hirnstruktur? Dazu haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Längsschnittstudie sowohl „alte Hasen“ als auch Spielneulinge in einem Abstand von sechs Wochen zweimal zu einer Aufzeichnung ihrer Hirnstrukturen und -funktionen mittels MRT eingeladen. Zwischen beiden Messterminen war jeden Tag mindestens eine Stunde Spielen angesagt. Die Kontrollgruppe bildeten Spielneulinge, die zwischen den beiden Terminen nicht in „World of Warcraft“ aktiv waren. Dieses Studiendesign erlaubt es, Hirnveränderungen direkt mit dem Computerspielkonsum zu korrelieren.

Diagnose per Smartphone

Viele Funktionen des Mobiltelefons und Internets nutzen wir fast unbewusst. Daher können wir kaum sagen, wie oft wir beispielsweise das Handy täglich entsperren, um eine kurze Info aus dem Internet abzurufen oder eine Nachricht zu lesen. Um den tatsächlichen Konsum besser messen zu können, hat das Forschungsprojekt zusammen mit dem Informatiker Alexander Markowetz eine App für das Mobiltelefon entwickelt, die das tatsächliche Mobiltelefonverhalten aufzeichnet und somit sowohl für die psychologische Diagnostik nützlich ist als auch dem Handynutzer rückmeldet, wie oft er oder sie welche Funktionen des Smartphones nutzt.

Auch wenn es noch keine offizielle Diagnose Internetsucht gibt, zeigt empirische Forschung in den Neurowissenschaften und der klassischen Psychologie, dass sie ein ernstes Phänomen mit Auswirkungen auf die Gesundheit und unsere Gesellschaft ist. Doch vor möglichen Therapien steht ein besseres Verständnis der Internetnutzung. Die Bonner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen mit ihrer interdisziplinären Herangehensweise besser zu verstehen, warum Menschen das Internet nutzen und ob es tatsächlich so etwas wie Internetabhängigkeit gibt – eine in der Wissenschaft momentan kontrovers diskutierte Frage.

Steckbrief

Name des Projekts: Biologische Grundlagen von Internet- und Computerspielsucht

Standort: Rheinische Friedrich­-Wilhelms­-Universität Bonn

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

PD Dr. Christian Montag; Prof. Dr. Martin Reuter; Prof. Dr. Frank Spinath;

Dr. Elisabeth Hahn; Prof. Dr. Alexander Markowetz

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2012

NACH OBEN