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Vom Pausenhof ins Internet: Schülerinnen und Schüler stänkern heute zunehmend in sozialen Netzwerken und sind dabei sowohl Täter als auch Opfer. Vor allem Kinder und Jugendliche sind vom sogenannten Cybermobbing betroffen, denn sie sind „Digital Natives“, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind und diese selbstverständlich in ihren Alltag integrieren.
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Um das Phänomen Cybermobbing zu erforschen, betrachten der Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt und seine Kollegin Ruth Festl deshalb die Schule beziehungsweise den Klassenverband. Zum einen verbringen Kinder und Jugendliche dort viel Zeit. Zum anderen ist die Schule auch der Ort, an dem sie wesentliche soziale Beziehungen knüpfen und pflegen, sich ausprobieren und mit Gleichaltrigen messen, um ihren Platz in der Klasse zu finden.

Besonders interessieren sich die Wissenschaftler dafür, wie Cybermobbing entsteht, was es begünstigt und welche Auswirkungen es auf die Schülerinnen und Schüler und ihr Umfeld hat. Weil sie das Phänomen über einen längeren Zeitraum hinweg erfassen, können sie Verlauf und Dynamik genau analysieren. Dabei betrachten sie nicht nur die betroffenen Schüler selbst, sondern auch deren soziale Beziehungen im Klassenverband und in der Schule.

In insgesamt drei Wellen befragt das Forscherteam Schüler und Lehrer an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. Um dabei auch den Zusammenhang zwischen sozialem Umfeld und individuellem Verhalten zu erfassen, kombinieren die Forscher die klassische Befragung mit strukturellen Daten: Sie erheben neben den persönlichen Informationen auch die sozialen Strukturen an den Schulen, wie etwa die Freundschaften der Befragten. Daraus können sie später Netzwerkkarten erstellen, die alle Freundschaftsbeziehungen innerhalb einer Schule abbilden. In der ersten Befragungswelle haben die beiden Wissenschaftler bereits 5656 Schüler aus 33 verschiedenen Schulen befragt.

Verschiedene Faktoren begünstigen das Risiko, zu mobben oder gemobbt zu werden

Es hat sich gezeigt, dass insgesamt bereits ein Drittel der befragten Jugendlichen als Täter und/oder Opfer Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht hat. Und dass individuelle Merkmale eine größere Rolle spielen als der Klassenverband. So begünstigen beispielsweise eine aggressive Persönlichkeit eine „positive“ Einstellung zum Thema Cybermobbing oder entsprechende vergangene Erfahrungen das Risiko, selbst (erneut) zu mobben oder gemobbt zu werden. Aber auch die soziale Position im Schulnetzwerk oder in der Schulklasse spielt eine Rolle. Mit Blick auf den Klassenverbund ergibt die Befragung, dass generell eher Hauptschulen und höhere Klassenstufen betroffen sind und das Täterrisiko in denjenigen Klassen höher ausfällt, die Cybermobbing generell positiver beurteilen.

Neu an der Studie ist, dass sie vor allem die sozialen Strukturen in den Blick nimmt. Denn bislang beschränkten sich Studien zu Cybermobbing meist auf die einzelne, betroffene Person. Wie wichtig das soziale Umfeld ist, hat jedoch bereits die traditionelle Mobbingforschung nachgewiesen. Auch wenn das „Stänkern“ im Internet zunächst nicht mit realen sozialen Strukturen in Verbindung zu stehen scheint, zeigt die Untersuchung, dass auch Cybermobbing meist im direkten Umfeld des Einzelnen, etwa mit Mitschülern, passiert.

Die Studie von Quandt und Festl analysiert das Cybermobbing-Verhalten in einem der wichtigsten sozialen Bereiche für Jugendliche, der Schulklasse. Das Studiendesign über drei Schuljahre erlaubt es ihnen, nicht nur einzelne Verhaltensweisen zu beobachten, sondern auch langfristige Veränderungen in den Klassen- und Schulstrukturen zu untersuchen. Denn wer über Cybermobbing aufklären und es verhindern will, muss zunächst verstehen, wie das Phänomen entsteht und funktioniert. Denn auch in der digitalen Gesellschaft kann Zank im Internet zu ganz realen Konflikten führen.

 

Steckbrief

Name des Projekts: Cybermobbing an Schulen: Eine längsschnittliche Mehrebenen-Analyse
individueller, struktureller und systemischer Faktoren

Standort: Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Universität Hohenheim

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Prof. Dr. Thorsten Quandt; Ruth Festl, M.A.

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2011

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