Themenwelt: Mitmachen
Politik via YouTube
Adieu Tageszeitung, adieu Radionachrichten, adieu Tagesschau – wie und wo informieren sich junge Leute heute über politische Themen? Besonders in der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen ist seit einigen Jahren ein massiver Rückgang der Fernseh- und Radionutzung zu beobachten. Stattdessen informieren sich Heranwachsende im Internet über tagesaktuelle und damit potenziell auch über politische Themen. Hier spielen besonders die Sozialen Medien, allen voran Videoplattformen wie YouTube, und Soziale Netzwerke wie Facebook eine zentrale Rolle.
Politik via YouTube

Die Münchener Kommunikationswissenschaftler Hans-Bernd Brosius und Till Keyling untersuchen in ihrem Forschungsprojekt, wie Soziale Online-Netzwerke Gatekeeping- und Agenda-Setting-Prozesse verändern und wie sich das auf die (massen-)medial vermittelte politische Kommunikation auswirkt. Gatekeeping beschreibt in diesem Zusammenhang, auf welche Weise und von wem Informationen für die politische Berichterstattung ausgewählt oder verworfen werden.

Humor ist ein wichtiges
Kriterium bei der Darstellung
von Politikern auf YouTube.

Agenda Setting beschreibt, wie Medien mit ihrer Themenauswahl Konsumenten dazu bringen, sich mit bestimmten Fragestellungen auseinanderzusetzen. Wie Agenda Setting in modernen Sozialen Medien aussieht, untersuchen die Münchener Wissenschaftler durch die inhaltliche Analyse politischer Videos auf YouTube sowie deren Bewertungen und Nutzerkommentare. Auf diese Weise prüfen sie, wie sich Themen im Netz entwickeln und welche politischen Vorstellungen sich auf dieser Grundlage bei den Nutzern festmachen lassen.

Gibt es ein Erfolgsrezept für politische Videoclips?

Mithilfe eines eigens dafür entwickelten Tools erfassen die Wissenschaftler automatisch YouTube-Clips und wie häufig diese angeklickt, weitergeleitet und bewertet werden. Dabei betrachtet das Forscherteam insbesondere, wie sich die Clips in Facebook, Google+ und Twitter verbreiten. Auf diese Weise gelingt es, Agenda-Setting-Prozesse auf YouTube in Echtzeit zu beobachten. Diese Beobachtungen ergaben beispielsweise im Rahmen der Bundestagswahl 2013, dass die Nutzenden in Tweets mit dem Wahl-Hashtag „#BTW13“ vor allem YouTube-Clips geteilt und empfohlen haben. Erste Analysen zeigten, dass nur einige wenige davon Aufrufzahlen jenseits der 100.000 Klicks erreichten – egal, ob es sich um professionell erstellte Werbespots oder nutzergenerierte Inhalte handelte.

„Schaden“ – etwa ein Versprecher oder eine Wahlniederlage – und „Überraschung“ – wie unvorhersehbare politische Äußerungen oder eine Störung während eines Interviews – sind den bisherigen Ergebnissen zufolge die beiden Nachrichtenfaktoren, nach denen Nutzerinnen und Nutzer politische Videos auf YouTube auswählen. Nachrichtenfaktoren bezeichnen Merkmale eines Ereignisses, die es „zu einer Nachricht machen“. Sie beschreiben, ob das Publikum die Nachricht „spannend“ finden wird, und sind mithin auch Kriterium für die journalistische Auswahl.

Vor allem junge Leute
tummeln sich auf
Videoplattformen im Internet.

Für Nutzende mit nur geringem Interesse an Politik spielt der Nachrichtenfaktor „Humor“ eine besondere Rolle, sie bevorzugen witzige politische Videoclips und kommen so auch mit Sachthemen in Kontakt. Humor ist auch ein wichtiges Kriterium bei der Darstellung von Politikern auf YouTube – laut der Inhaltsanalyse werden humorvolle Clips häufiger angesehen, bewertet und weitergeleitet. „Humor“ taucht meist im Zusammenhang mit politischen Sachthemen auf, bezieht sich also nicht nur auf peinliche oder rein persönliche Momente einzelner Personen.

Zu verstehen, wie sich gerade junge Leute in der digitalen Welt jenseits von Tagesschau und Zeitung politisch informieren und wie politische Themen und Nachrichten sich verbreiten, ist bedeutsam für die Entwicklung unserer Demokratie und der Gesellschaft. Denn alle Altersgruppen, vor allem aber jüngere Menschen in Deutschland nutzen heute vermehrt den audiovisuellen Bereich und Angebote im Internet auf der Suche nach Informationen.

Steckbrief

Name des Projekts: Die Entstehung und Nutzung politischer Medienagenden auf YouTube
und ihre Bedeutung für Jugendliche

Standort: Ludwig-Maximilians-Universität München

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Prof. Hans-Bernd Brosius; Till Keyling, M.A.

DFG-gefördert im Programm: Forschergruppe 1381 „Politische Kommunikation in der Online-Welt“

Förderung: seit 2011

NACH OBEN