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Wahlkampf mit 140 Zeichen
In Deutschland gibt es derzeit über vier Millionen Twitter-Accounts, davon sind knapp eine Million aktive Twitter-Nutzer. Damit spielt das Echtzeit-Online-Medium eine zunehmend wichtige Rolle als Informations- und Interaktionsplattform für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Nach zögerlichem Start hierzulande hat sich Twitter als zentrale Anwendung des Web 2.0 etabliert: Immer mehr Menschen kommunizieren und informieren sich über den sogenannten Micro-Blogging-Dienst und teilen Nachrichten von maximal 140 Zeichen.

Die Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Caja Thimm, Jessica Einspänner, Tobias Bürger und Mario Anastasiadis konzentrieren sich in ihrer Forschung auf die Twitter-Kommunikation im politischen Kontext und untersuchen, wie sich dadurch demokratische Prozesse verändern. Dazu analysieren sie die Kurznachrichten, sogenannte Tweets, anhand quantitativer und qualitativer Verfahren indem sie einzelne Tweets aus dem politischen Kontext fokussieren und strukturell, inhaltsanalytisch sowie argumentationstheoretisch untersuchen. Auf diese Weise hat das Forschungsteam zum Beispiel die Twitter-Kommunikation rund um den Bundestagswahlkampf 2013 sowie mehrere Landtagswahlkämpfe in Deutschland seit 2010 dokumentiert.

Twitter: politische Nachrichten und Wortneuschöpfungen

Bei ihrer Analyse interessieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insbesondere sprachliche Besonderheiten. In Twitter können Nutzerinnen und Nutzer zum Beispiel über eine vorangestellte Raute (#) einen bestimmten Begriff besonders hervorheben, wodurch dieser zu einem sogenannten Hashtag wird. So markierte Begriffe gelten als Diskurs- oder Themenmarker und sind zentrale Elemente von Diskussionen auf Twitter, die zeitlich begrenzte, thematisch fokussierte Öffentlichkeiten entstehen lassen. So entwickelte sich beispielsweise um „#s21“ eine konfliktreiche Diskussion zum Bahnprojekt „Stuttgart 21“. Eine weitere elementare Funktion des Twitterns ist das „Retweeten“. Das bedeutet, eine bestimmte Twitter-Nachricht, die man von einem Account erhält, wird an andere User weitergeleitet („noch einmal getweetet“) und somit weiter in der Twitter-Sphäre verbreitet. Außerdem können Tweets auch Links zu bestimmten Internetseiten oder Dateien enthalten, um zum Beispiel die eigenen Argumente zu begründen oder um auf weiterführende Inhalte zu verweisen. Nicht zuletzt dient das @-Symbol vor einem Accountnamen der direkten Ansprache eines anderen Twitter-Users.

Die Bonner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten beispielsweise zeigen, dass Twitter-Nutzer über Politik auf ganz besondere Weise diskutieren. Beispielsweise führt die begrenzte Zeichenzahl zu neuen Benennungen, die in den allgemeinen Diskurs zu einem Thema eingehen – zum Beispiel „#Groko“ für Große Koalition. Außerdem verbreiten sich über Twitter als Echtzeitmedium neue Informationen und Nachrichten rasend schnell. Ein Beispiel ist das Hashtag „#Fukushima“ zur Reaktorkatastrophe in Japan. Darüber hinaus konnten die Forscher sehr unterschiedliche Strategien und persönliche Stilformen von Politikerinnen und Politkern in Twitter-Diskursen aufzeigen: Die einen twittern sehr informativ und verwenden viele Verlinkungen, die anderen eher persönlich und adressieren andere Twitter-User mittels des @-Zeichens.

Für die digitale Gesellschaft ist die Frage nach dem demokratischen Potenzial neuer Technologien, wie sie auch das Bonner Team stellt, zentral. Bekommen Nutzerinnen und Nutzer – auch durch Twitter – einfacher Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen? Die Forscher erwarten, dass immer mehr Menschen den Microbloggingdienst auch für die politische Partizipation nutzen werden.

Steckbrief

Name des Projekts: Deliberation im Netz. Formen und Funktionen des digitalen Diskurses
am Beispiel des Microblogging­-Systems Twitter

Standort: Rheinische Friedrich­-Wilhelms­-Universität Bonn

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Caja Thimm; Jessica Einspänner, M.A.; Tobias Bürger, M.A.; Mario Anastasiadis, M.A.

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1505 „Mediatisierte Welten“

Förderung: seit 2010

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