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Mein digitaler Stammtisch
Kommentare von Nutzerinnen und Nutzern auf Internetseiten sind mittlerweile ein fester Bestandteil der alltäglichen Meinungsäußerung. Ob Blogeinträge, Posts bei Facebook, Tweets oder Kommentare auf Nachrichtenseiten – die digitalen Medien laden auf vielfältige Weise zum „Einmischen“ ein. Doch das ist nicht nur eine Chance, sondern auch eine Herausforderung – etwa wenn „Shitstorms“ Anbieter von Webseiten mit den oft emotionalen Äußerungen ungezählter Internetnutzer überschwemmen.

Bild 1: Ranking der meistkommentierten Artikel auf einer Online-Nachrichtenseite. Viele Nachrichtenseiten haben bereits auf ihren Startseiten „Boxen“ angelegt, die das Publikum darüber informieren, welche Themen Nutzerinnen und Nutzer gerade am intensivsten diskutieren.

Die Kommunikationswissenschaft interessierte bislang vor allem, warum Internetnutzerinnen und -nutzer bestimmte Nachrichten lesen oder nicht. Die Frage, ob und wie sie diese dann kommentieren bzw. diskutieren, wurde aber eher vernachlässigt. Hier setzt das Projekt „Vom Nachrichtenwert zum Diskussionswert“ von Oliver Quiring und Marc Ziegele an, das eine sehr populäre Online-Kommunikationsform untersucht: Nutzerkommentare auf Nachrichtenseiten. Welche Meldungen regen die Diskussion an? Welche werden „nur“ gelesen, aber nicht weiter diskutiert? Mit ihrer Forschung erweitern die Mainzer Wissenschaftler Theorien zur Nachrichtenauswahl um die Erklärung, warum bestimmte Nachrichten eben auch zu Kommentaren einladen.

Was wird warum kommentiert

Um diese Fragen zu beantworten, gehen Quiring und Ziegele verschiedene Wege. Einerseits befragen sie die kommentierenden Nutzerinnen und Nutzer nach den Gründen für ihre Kommentare. Andererseits ermitteln sie in einer groß angelegten Inhaltsanalyse das tatsächliche Verhalten der Kommentierenden. Mehr als 1600 Nachrichten und eine entsprechende Zahl an Kommentaren wollen die Mainzer Wissenschaftler unter die Lupe nehmen, um die Vorhersagekraft ihres theoretischen Modells zu prüfen. Dieses Modell macht bereits Vorhersagen, welche drei Hauptfaktoren ausschlaggebend dafür sind, dass Leserinnen und Leser von Online-Nachrichten diese auch kommentieren: Der erste Faktor ist der Inhalt einer Nachricht: Über was wird wie berichtet? Wird Promi-Klatsch eher kommentiert als der nüchterne Bericht über einen Verkehrsunfall?

Bild 2: „Verhaltensregeln“ für das Kommentieren von Artikeln auf einer Online-Nachrichtenseite. In ähnlicher Form existieren diese Regeln auf den meisten Nachrichtenseiten.

Ein wertender Beitrag regt dem Modell nach eher zur Diskussion an als ein streng neutraler Ton. Zweitens schauen Nutzerinnen und Nutzer darauf, ob bereits andere Kommentare veröffentlicht wurden. Halten besonders emotionale oder unhöfliche Kommentare eher davon ab, weitere Meinungsäußerungen zu verfassen? Drittens spielt offenbar die Diskussionsarchitektur eine wichtige Rolle bei der Kommentierung. Nachrichtenseiten, auf denen man sich erst namentlich registrieren muss, verzeichnen, so die Annahme der Wissenschaftler, weniger Kommentare als solche, die auch anonyme Kommentare zulassen. Quiring und Ziegele vermuten, dass die individuellen Eigenschaften des Einzelnen die Wirkung dieser drei Faktoren beeinflussen – eine offene Frage, die das Projekt klären soll.

Bild 3: Nachrichtenseiten verbreiten ihre Meldungen mittlerweile auch in sozialen Netzwerken – dort werden die Nachrichten ebenfalls rege kommentiert.


Fruchtbarer Austausch mit dem Publikum

Für die Mainzer Wissenschaftler sind Nutzerkommentare auf Nachrichtenseiten kein vollständig neues Kommunikationsphänomen, sondern eher eine Erweiterung der traditionellen Kommunikation über journalistische Inhalte – also das klassische Stammtischgespräch über Nachrichten – im Internet. In den sogenannten „integrierten Öffentlichkeiten“ tummeln sich sowohl professionelle Journalisten als auch kommentierende Privatpersonen auf ein und derselben Plattform.

Quiring und Ziegele betrachten nicht nur, welche Vorzeichen die Diskussion über Nachrichten im Internet bestimmen, sondern auch, wie sich das auf die digitale Gesellschaft der Zukunft auswirkt. Denn wer weiß, warum und auf welche Weise Internetnutzerinnen und -nutzer Kommentare verfassen, kann zur Partizipation via Kommentar einladen und die Beiträge sinnvoll kanalisieren. Das ist für viele gesellschaftliche Bereiche interessant und kann als Sprachrohr des „normalen“ Bürgers zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen.

Für den Journalismus in der digitalen Gesellschaft zeichnet sich ein Rollenwandel ab: Journalisten informieren nicht nur ihre Leserschaft. Kommentare machen sie vielmehr auch zu Moderatoren der sich anschließenden Kommunikation mit den Nutzenden. Dieser durch das Internet ermöglichte Austausch ist nicht nur wichtig, sondern auch nützlich, denn die Impulse aus der Nutzerschaft sind ein wertvolles Gut – für Demokratie und Journalismus.

Steckbrief

Name des Projekts: Vom Nachrichtenwert zum Diskussionswert: Ursachen, Bedingungen und Folgen von Anschlusskommunikation auf massenmedialen Websites

Standort: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Univ.-Prof. Dr. Oliver Quiring; Marc Ziegele, Dipl.-Medienwirt

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2013

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