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Das Publikum mischt mit
Das Internet revolutioniert die Medien und es revolutioniert den Journalismus: Worüber Journalistinnen und Journalisten berichten, wie sie recherchieren, wie sie ihre Artikel veröffentlichen – all das verändert sich fundamental und dauerhaft, ebenso wie ihr Verhältnis zum Publikum. Im Internet kann heute jede und jeder die eigene Meinung, Lob oder Kritik äußern, auch zu journalistischen Beiträgen. Dies sind enorme Herausforderungen für den Journalismus, die ihm aber auch Chancen eröffnen.
Das Publikum mischt mit

Die Kommunikationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Wiebke Loosen, Jan-Hinrik Schmidt, Nele Heise und Julius Reimer untersuchen in ihrem Forschungsprojekt, wie sich die erweiterten Möglichkeiten der Publikumsbeteiligung auf die journalistische Arbeit und die medialen Angebote auswirken. Dazu betrachten sie in Fallstudien vier journalistische Medien und ihre Online-Angebote: Für den Fernsehjournalismus sind dies die Tagesschau und ein wöchentlicher Polit-Talk der ARD. Im Print-Bereich stehen eine überregionale Tageszeitung und die Wochenzeitung Der Freitag im Fokus. Das Ziel ist es, zu beschreiben, wie sich das Verhältnis zwischen Journalisten und Publikum verändert.

Das Forscherteam betrachtet
zahlreiche Facetten der
Publikumsbeteiligung und die
damit verbundenen Erwartungen.

Mit vielfältigen Methoden – darunter ausführliche Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern beider Gruppen, onlinegestützte Umfragen und Inhaltsanalysen – betrachtet das Forscherteam zahlreiche Facetten der Publikumsbeteiligung und die damit verbundenen Erwartungen. So ermitteln sie für jeden Fall, welche Beteiligungsmöglichkeiten die jeweilige Redaktion mit welchem Aufwand bereitstellt und in welchem Ausmaß und mit welcher Intensität das Publikum diese im Gegenzug nutzt. Außerdem interessiert die Hamburger, inwieweit die Ansprüche und Wünsche des Publikums mit dem übereinstimmen, was die Redaktion an Publikumsbedürfnissen vermutet und zu befriedigen versucht.

Mehr Beteiligung, 
            mehr Transparenz, mehr Meinung

Die bereits vorliegenden Befunde zeigen: Sowohl bei der Tagesschau, dem „Flaggschiff“ des deutschen TV-Nachrichtenjournalismus, als auch bei der wöchentlichen Polit-Talkshow fühlen sich die Redaktionen insbesondere dem klassischen Nachrichtenjournalismus verpflichtet. Das heißt, bei aller Unterschiedlichkeit der Formate, wollen beide ihr Publikum verlässlich mit vertrauenswürdigen Informationen versorgen und ihm komplexere Sachverhalte vermitteln. Und genau das erwartet das Publikum auch. Zudem wurde aber deutlich, dass sich dieses „klassische“ Rollenverständnis auf beiden Seiten erweitert: Insbesondere die Journalisten, die mit der Recherche und dem „Bespielen“ von sozialen Medien wie Facebook betraut sind, glauben, dass der Journalismus zusätzlich zur Informationsvermittlung dem Publikum auch mehr Möglichkeiten bieten sollte, sich aktiv einzubringen. Ähnliches erwarten auch schon aktive Befragte, die online etwa die Nachrichten der Tagesschau kommentieren.

Der Journalismus setzt sich
intensiv mit der eigenen
Rolle in der digitalen
Gesellschaft auseinander.

Außerdem wünscht sich das Publikum deutlich mehr Transparenz: Viele Befragte hätten gern mehr Informationen zu den für die Beiträge genutzten Quellen, aber auch über die Journalisten selbst. Und sie würden gern öfter die persönliche Meinung der Redaktionsmitglieder erfahren. Besonders beim ARD Polit-Talk zeigte sich, dass das Publikum ein kritisches Hinterfragen der Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwartet. Das interpretieren die Forscherinnen und Forscher als Hinweis, dass sich das Publikum gerade in einer Zeit, in der sich eine wahre Flut an Informationen über digitale Medien beinahe in Echtzeit verbreitet, mehr Orientierungshilfe durch den Journalismus wünscht.

Durch ihr Forschungsprojekt tragen die Hamburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Verständnis des sich verändernden Journalismus und der sich wandelnden Publikumsbedürfnisse in der digitalen Gesellschaft bei. Besonders überrascht hat das Forscherteam dabei, wie intensiv sich der Journalismus hierbei mit seiner eigenen Rolle, seinen Leistungen und seiner Funktion für die Gesellschaft beschäftigt, hat das Forscherteam Forschenden besonders überrascht.

Steckbrief

Name des Projekts: Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums. Journalismus unter den Bedingungen von Web 2.0

Standort: Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Universität Hamburg

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

PD Dr. Wiebke Loosen; Dr. Jan-Hinrik Schmidt; Nele Heise, M. A.; Julius Reimer, M. A.

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2011

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