Themenwelt: Mitmachen
Wer zwitschert lauter
Was haben die Themen Energiewende, Datenschutz und Wahlkampf gemeinsam? Sie alle werden im Internet heiß diskutiert. Besonders in den Sozialen Medien beteiligen sich unterschiedliche Akteure – Bürgerinnen und Bürger, politische Organisationen, Unternehmen und viele andere – an der Diskussion kontroverser Themen.
Wer zwitschert lauter

Denn im Unterschied zu den traditionellen Medien werden Nachrichten nicht durch journalistische „Gatekeeper“ gesteuert. Aber wer setzt im partizipatorischen Netz die Themen und kann dadurch die Meinungsbildung beeinflussen? Und warum machen einige Themen bei Facebook und Co. Karriere und andere nicht?

Die schiere Datenmenge
auf Twitter ist in den
vergangenen Jahren
massiv angestiegen.

Kommunikationswissenschaft und Wirtschaftsinformatik greifen ineinander, um Akteure, Strukturen und Prozesse der öffentlichen Kommunikation in Sozialen Medien zu analysieren. Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger und der Wirtschaftsinformatiker Stefan Stieglitz untersuchen die Themendynamik im Internet am Beispiel von Twitter. Sie beobachten also, wie sich bestimmte Themen in dem Mikroblogging-Dienst verbreiten und wie sie sich entwickeln. Für diese Beobachtungen bietet das Internet günstige Voraussetzungen: Beiträge im Netz lassen sich in großer Zahl automatisiert sammeln und auswerten – das bezeichnet man gemeinhin als „Big Data“. Das Projekt soll die „Karriere“ bestimmter Themen im Internet beschreiben und erklären, ob und wie die besonderen Strukturen des Internets öffentliche Kommunikation beeinflussen. Dies betrifft Fragen wie: Wer kann im Internet große Resonanz schaffen? Können Bürgerinnen und Bürger Diskurse beeinflussen oder gehört auch im Internet die Meinungsmacht den „großen“ Medien? Wie lassen sich Themenkarrieren steuern?

Automatische und manuelle Analyse von Tweets

Die Wissenschaftler können allerdings weder auf einen ausgearbeiteten theoretischen Ansatz noch auf geeignete Methoden oder eine Analysesoftware zurückgreifen, um die Themendynamik zu analysieren; diese entwickeln Neuberger und Stieglitz in ihrem Projekt. Die Wissenschaftler stützen sich dabei unter anderem auf die Theorie des Agenda-Settings, die die Wirkung der Medien auf die öffentliche Themensetzung beschreibt, und auf die Diffusionstheorie, die die Prozesse bei der Einführung und Verbreitung neuer Themen behandelt. Um Themen und ihrer Entwicklung auf Twitter nachzugehen, nutzen die beiden automatisierte Analyseverfahren. Dabei betrachten sie einzelne Worte, die Auskunft geben, wie häufig zu bestimmten Themen getwittert wird, das gesamte Netzwerk, um die Verbreitung eines Themas nachzuvollziehen, und die „Sentiments“, also die Gefühle, um den Unterton der Tweets zu erfassen. Außerdem werten Neuberger und Stieglitz die Inhalte einzelner Tweets manuell aus und beobachten die Entwicklung von Einzelthemen in den breiteren Themenbereichen „Energiewende“, „Datenschutz“ oder „Wahlkampf“ auf Twitter. Damit wollen sie ausreichend viele erfolgreiche, aber auch früh scheiternde Themen kontinuierlich erfassen.

Das Neue an dem Projekt
ist das breit angelegte,
permanente Monitoring
von Themen.

Das Neue an dem Projekt ist das breit angelegte, permanente Monitoring von Themen, wie es in den traditionellen Massenmedien bisher nicht möglich war. Das Ziel ist ein eigens entwickelter Software-Prototyp. In ersten Pilottests hat die Software bereits mehr als vier Millionen Tweets zu verschiedenen Themenkomplexen gesammelt. Schon jetzt hat sich gezeigt, dass die schiere Datenmenge auf Twitter in den vergangenen Jahren massiv angestiegen ist. Die Wissenschaftler folgern daraus, dass sich Soziale Medien als Kommunikationskanal fest etabliert haben. Mit Hilfe der Ergebnisse sollen das technische und mithin auch das gesellschaftliche Potenzial des Internets besser erschlossen werden. Wer weiß, wie Themen auf Twitter Karriere machen, kann auch zeigen, wie politische Partizipation ermöglichen. Denn das ist die eigentliche Herausforderung des Internets: Dort kann zwar jeder schreiben – das heißt aber noch lange nicht, dass er auch gelesen wird.

Steckbrief

Name des Projekts: Themendynamik der öffentlichen Kommunikation im Internet –
Netzwerk- und Inhaltsanalyse aktueller Themen auf Twitter

Standort: Ludwig-Maximilians-Universität München, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Prof. Dr. Christoph Neuberger; Prof. Dr. Stefan Stieglitz

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2012

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