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Surfen und Shoppen – mit gutem Gewissen
Eine-Welt-Läden, Bio-Supermärkte, Second-Hand-Shops – immer mehr Menschen achten darauf, wo und wie die Produkte, die sie kaufen, hergestellt wurden. Damit geben sie auch ein politisches Statement ab.

Politischer Konsum ist neben Wählen und Spenden die am weitesten verbreitete Form politischer Einflussnahme – mit wirtschaftlichen Auswirkungen. In Zeiten von Facebook, Twitter und Co. ergeben sich ganz neue, kreative Möglichkeiten für Nutzerinnen und Nutzer, sich bürgerschaftlich zu engagieren.

Das Siegener Forscherteam Sigrid Baringhorst, Mundo Yang und Katharina Witterhold geht in seinem sozialwissenschaftlichen Projekt zu den „Consumer Netizens“ der Frage nach, ob sich durch den Austausch über politisch motivierten Konsum im Social Web eine neue Form des bürgerschaftlichen Engagements herausgebildet hat. Dazu untersuchen sie mittels qualitativer und quantitativer Methoden Menschen, die aus politischen Gründen Dinge kaufen oder nicht kaufen sowie deren Mediennutzung. Bislang wurden politisch aktive Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland vorrangig unter quantitativen Aspekten untersucht; da der Konsum jedoch stark vom Alltagshandeln und dem individuellen Lebensstil abhängig ist, waren kaum Aussagen über tatsächliches Verhalten möglich.

Für die Siegener Studie führten ausgewählte Untersuchungsteilnehmerinnen und -teilnehmer acht Wochen lang sogenannte Partizipationstagebücher. Diese gestatteten den Forscherinnen und Forschern einen Blick in den Alltag der Menschen. Wie äußert sich politische Einstellung in Konsumverhalten und Mediennutzung? Wo informieren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren? Welche Rolle spielen Non-Profit-Organisationen (NPOs) dabei? Zum Tagebuch kamen qualitative Interviews. Diese sollten zeigen, wie die Einzelnen ihre politische Haltung begründen. Darüber hinaus will das Forscherteam anhand der Lebensgeschichte der Teilnehmender verstehen, wie es zum individuellen politischen Engagement kam. Das Ergebnis ist eine Beschreibung der neuen „Spezies Consumer Netizens“. Das Team führte abschließend eine Online-Befragung durch, um zu ermitteln, wie stark diese neue Form der Beteiligung in der Bevölkerung vertreten ist.

Politisches Engagement im Netz – mehr als nur ein Mausklick

Die Annahme, politischer Konsum sei eine einfache und vor allem kostengünstige Form der Beteiligung, hat die Studie nicht bestätigt. Im Gegenteil: Politisch engagierte Konsumenten informieren sich aufwendig und zeitintensiv über Unternehmenspraktiken, Vertriebspartner und Produktionsabläufe – dazu nutzen sie vor allem webbasierte Angebote. Zudem zeigte sich, dass die Art und Weise, wie Menschen Medien in den Alltag integrieren, mit Unterschieden in den Formen der politischen Beteiligung online einhergeht. Pragmatische Nutzer, die das Internet vorzugsweise als Ergänzung ihrer sonstigen Medienpraktiken nutzen, zögern eher, Inhalte selbst ins Netz zu stellen oder auf diese zu verweisen. Demgegenüber zeigen Menschen, bei denen die Internetnutzung einen erheblichen Teil ihres Alltags ausmacht, eine hohe Bereitschaft, Informationen über den eigenen Konsumstil anderen zugänglich zu machen. Außerdem zeigte die Untersuchung, dass Personen aus finanziell schwächeren Verhältnissen sich weniger durch widersprüchliche Informationen und Erkenntnisse innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses entmutigen lassen. Gegen die Verunsicherung scheint die tägliche Routine des (Ressourcen-)Sparens ein wirksamer Puffer zu sein.

Mit ihrer Forschung treten die Siegener Wissenschaftler für eine differenzierte Auseinandersetzung mit ethisch und politisch engagiertem Konsum in den sozialen Medien ein. Sie wollen wichtige Bausteine zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik liefern. Aber auch verkürzte Annahmen, in denen Online-Partizipation mit „Clicktivism“ –  der Beteiligung mittels eines einfachen Mausklicks – gleichgesetzt wird, werden relativiert. In puncto politische Beteiligung geben sie einen positiven Ausblick: Die Menschen ziehen sich angesichts des medientechnologischen Wandels nicht ins Private zurück, die Zivilgesellschaft bröckelt nicht. Vielmehr weist das politische Engagement von Bürgerinnen und Bürgern im Internet vielfältige Formen und Ambivalenzen auf, die am Beispiel webbasierter Konsumpraktiken anschaulich demonstriert werden können.

Steckbrief

Name des Projekts:
Consumer Netizens – Neue Formen von Bürgerschaft an der Schnittstelle von politischem Konsum und Social Web

Standort: Universität Siegen

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Sigrid Baringhorst; Dr. Mundo Yang; Katharina Witterhold

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2011

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