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Heilsame SMS
Vom vollständig digitalen Herzschrittmacher über die Diagnose per Smartphone-App bis hin zu Medikamenten mit eingebauten Computerchips – digitale Technologien verändern auch die Medizin grundlegend. Doch eignet sich ihr Einsatz auch zur Behandlung von Krankheiten wie Alkoholabhängigkeit?

Bild 1: Verlauf einer SMS-Intervention.

Alkoholabhängigkeit ist eine chronische psychische Erkrankung – oft mit erheblichem gesundheitlichem und sozialem Schaden für die Betroffenen sowie hohen Kosten für das Gesundheitssystem. Wie wirksam die Krankheit mittels Telefon, Internet oder Short Message System (SMS) beeinflusst werden kann, untersucht ein großes Forschungsteam rund um den Mediziner Michael Lucht. Konkret interessiert die Forscherinnen und Forscher, ob eine interaktive „SMS-Helpline“ alkoholabhängigen Patientinnen und Patienten helfen kann, ihren Alkoholkonsum zu senken, nachdem sie aus der stationären Entgiftungsbehandlung entlassen wurden. Die Wirksamkeit der Behandlungsmethode untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit in einer großen sogenannten Multicenterstudie. Dazu erhalten die Patientinnen und Patienten regelmäßig SMS-Textnachrichten mit der Frage, ob sie Alkohol getrunken haben oder Hilfe benötigen, und werden zu einer Antwort aufgefordert.

Signalisiert eine Person Hilfebedarf oder reagiert nicht, bekommen die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten eine E-Mail mit der Bitte, die Patientin oder den Patienten auf dem Handy anzurufen und Hilfe anzubieten. Bei der Rückmeldung, die Person brauche keine Hilfe, verschickt die „Helpline“ automatisch eine unterstützende Nachricht – zum Beispiel mit dem Text „Sehr gut! Jeder Tag ohne Alkohol zählt“. Gleichzeitig geht auch eine E-Mail mit der Information, dass es der Patientin oder dem Patienten gut gehe, an die Therapeuten. Natürlich können sich die Betroffenen auch jederzeit selbst via SMS an die Helpline wenden – die Therapeuten werden benachrichtigt und melden sich ihrerseits telefonisch.

Bild 2: Erste Studienergebnisse ergaben positive Effekte.

Die Behandlung via SMS kann helfen, den Alkoholkonsum zu senken

Eine Pilotstudie mit 80 Patientinnen und Patienten über acht Wochen zeigte erste Hinweise auf Machbarkeit und positive Effekte der SMS-Helpline auf den Alkoholkonsum. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer blieben tendenziell länger abstinent oder tranken weniger als eine Kontrollgruppe. Dank des vollautomatischen Interventionssystems per SMS mussten Therapeutinnen und Therapeuten nur in Fällen mit Hilfebedarf persönlich intervenieren. Die Ergebnisse sind jedoch bis dato nicht statistisch abgesichert.

Das Forscherteam aus Greifswald und Stralsund glaubt an den Erfolg der SMS-basierten Intervention. Die neue Technik könnte die Versorgung von Alkoholabhängigen verbessern und bestehende Programme sinnvoll ergänzen. Außerdem ist die Methode kostengünstig, nebenwirkungsfrei und flexibel einsetzbar. Patientinnen und Patienten haben ihre Handys bestenfalls immer bei sich. Dadurch sind sie stets erreichbar und in der Lage, medizinische Hilfe anzufordern. So lässt sich die Unterstützungsmaßnahme gut und einfach in den Alltag integrieren. Das gibt nicht nur den Betroffenen Sicherheit, sondern auch den Therapeuten. Auch sie bekommen auf diese Weise regelmäßig Rückmeldung über den Zustand ihrer Patienten.

Bild 3: Die Methode ist kostengünstig, nebenwirkungsfrei und flexibel einsetzbar.

In der Zukunft könnte die Hilfe via SMS auch bei chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes, aber auch in der Psychotherapie zum Einsatz kommen. Digitale Medien verändern und erweitern die Möglichkeiten der Interaktion zwischen Betroffenen mit Ärztinnen und Ärzten – doch auch in der digitalen Gesellschaft bleibt der persönliche Kontakt der wichtigste Schlüssel für den Erfolg einer Behandlung.

Steckbrief

Name des Projekts: Kontinuierliche Unterstützung bei Alkoholabhängigkeit mittels SMS (CAPS)

Standort: Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychiatrie
am HELIOS-Hanseklinikum Stralsund

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Prof. Dr. Michael Lucht; Dipl.-Psych. Anne Quellmalz;
PD Dr. Jacqueline Höppner; Dr. Markus Stuppe; PD Dr. Jens M. Langosch; Prof. Dr. Hans-Jörgen Grabe;
Prof. Dr. Harald J. Freyberger; Prof. Dr. Ulrich John; PD Dr. Christian Meyer

DFG-gefördert im Programm: Klinische Studien      
Förderung: seit 2011

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