Themenwelt: Kommunizieren
Online mit Oma
Sie haben den Urenkel das erste Mal auf Skype gesehen, von der Enkelin eine E-Mail aus Neuseeland bekommen und von den Kindern zu Weihnachten ein Mobiltelefon mit eingebauter Kamera – für die sogenannten digitalen Immigranten, also Menschen, die nicht mit digitalen Medien aufgewachsen sind, sind diese Medien Faszination und Herausforderung zugleich.
Online mit Oma

Um mit der Familie in der Ferne oder nebenan Kontakt zu halten, sind die neuen Technologien heutzutage nahezu unverzichtbar. Auch in anderen Lebensbereichen sind digitale Medien nicht mehr wegzudenken: So ersetzt das Internet heute das Kaufhaus, den Ticketschalter oder das Reisebüro.

Die Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Bernhardt Schmidt-Hertha, Veronika Thalhammer und Anika Klein untersuchen, wie Menschen Kompetenz im Umgang mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien gewinnen und welche Rolle andere, zumeist jüngere Generationen dabei spielen. Dazu analysierten sie zunächst Daten aus einer repräsentativen Umfrage zum Weiterbildungsverhalten von 45- bis 80-Jährigen und führten 32 qualitative Interviews mit Computernutzerinnen und -nutzern, die älter als 60 Jahre und nicht mehr erwerbstätig sind. Darauf aufbauend wollen die Wissenschaftler nun Menschen zweier jüngerer Generationen (40 bis 60 Jahre und 20 bis 40 Jahre) sowohl in Einzelinterviews als auch in Gruppendiskussionen befragen. Medienkompetenz eignen sich Menschen meist außerhalb von organisierten Weiterbildungsangeboten an – ein Grund für die Forschenden, in ihrem Projekt informelles, selbstständiges Lernen in Bezug auf Medien zu betrachten. Damit greifen sie ein bisher kaum untersuchtes Forschungsfeld auf.

Neue Technologien gemeinsam entdecken

Die bisherigen Ergebnisse des Projekts zeigen, dass ältere Menschen vor allem im Austausch mit anderen Generationen Medienkompetenz erwerben. Jüngere Familienangehörige führen sie an neue Kommunikationstechniken und deren Funktionsweise heran. Oft ist ein Geschenk – etwa das Smartphone oder Tablet, das zu Weihnachten unter dem Tannenbaum liegt – der Ausgangspunkt, um gemeinsam das neue Medium zu entdecken, Probleme zu lösen und Fragen zu klären. Wenn jedoch die junge Generation zu viele der Aufgaben wie Programme-Installieren, Mails-Schreiben oder Fotos-Verschicken auf Dauer übernimmt, bleibt der Lernerfolg bei den Älteren aus. Und sei es noch so nett gemeint und von Oma oder Opa erwünscht. Auch die Hemmung, Jüngere um Hilfe zu bitten, kann hier zu Problemen führen. Welches Familienmitglied die Älteren um Hilfe bitten, hängt den Ergebnissen zufolge davon ab, wie hoch sie die entsprechende Medienkompetenz einschätzen und in welcher Beziehung sie zu ihr oder ihm stehen. Wenn die „Immigration“ in die digitale Welt gelingt, befruchtet das durchaus auch den Austausch zwischen den Generationen. Die Kommunikation mit und über moderne Technologien nutzen die Älteren dann gezielt, um mit der Familie in Kontakt zu treten: beispielsweise, um mit Skype ins Ausland telefonieren zu können.

Eine digitale Gesellschaft setzt voraus, dass die Menschen moderne Informations- und Kommunikationstechnologien beherrschen und nutzen. Wer die nötige Medienkompetenz nicht mitbringt, wird von verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen. Und obwohl immer mehr ältere Erwachsene digitale Medien nutzen, sind sie wesentlich weniger aktiv als jüngere. Das Projekt „Bedeutung informellen intergenerativen Lernens für Medienkompetenz und Internetnutzung“ zeigt, wie die verschiedenen Altersgruppen Medienkompetenz außerhalb organisierter Bildungsangebote aufbauen können. Es beleuchtet dabei die Rolle der anderen Generationen im Familien-, Freundes- und Kollegenkreis. Diese Erkenntnisse möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen, um solche – oft unbewussten – Lernprozesse zu unterstützen und dadurch wiederum organisierte Weiterbildungen zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Steckbrief

Name des Projekts: Bedeutung informellen intergenerativen Lernens für Medienkompetenz und Internetnutzung

Standort: Eberhard Karls Universität Tübingen

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Bernhardt Schmidt-Hertha; Veronika Thalhammer, M.A.; Anika Klein, M.A.

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2010

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