Themenwelt: Kommunizieren
Grenzenlos vernetzt
Es heißt: Für die junge Generation ist „digital“ normal. Sie integrieren Smartphone, Tablet und Co. selbstverständlich in ihren Alltag und sind durch die sozialen Medien weltweit vernetzt. Ältere Menschen sind hingegen von der digitalen Welt abgeschnitten und agieren fast ausschließlich analog. Das Festnetztelefon ist ihr einziger Draht zur Außenwelt. Dies sind gängige Vorurteile, wenn auch etwas überspitzt formuliert. Aber was ist dran an der „digitalen Kluft“ zwischen Jung und Alt?
Grenzenlos vernetzt

Die Kommunikationswissenschaftler Andreas Hepp und Matthias Berg sowie ihre Kollegin Cindy Roitsch untersuchen, wie die sogenannten „digital natives“ und „digital immigrants“ Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und diese pflegen. Als „digital natives“ werden Jugendliche und junge Erwachsene bezeichnet, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. „Digital immigrants“ sind diejenigen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens mit diesen Kommunikationsmitteln in Berührung gekommen sind. Das Forschungsteam will herausfinden, wie beide Gruppen im Alltag digitale Medien einsetzen, um sich mit anderen Menschen zu vernetzen und Gemeinschaften zu bilden. Im Mittelpunkt des Projekts stehen folgende Fragen: „Welche neuen Formen der Gemeinschaftsbildung ermöglichen digitale Medien?“ und „Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen diesbezüglich zwischen jungen und älteren Menschen?“

Auf der Suche nach Antworten haben die Bremer in jeweils 60 sogenannten „ethnografischen Miniaturen“ einerseits junge Menschen im Alter zwischen 16 und 30 Jahren und andererseits ältere Menschen zwischen 60 und 79 Jahren befragt. Anders als bei einer klassischen Ethnografie, bei der Forscherinnen und Forscher für längere Zeit an einem Ort bleiben, haben sie ihre Probandinnen und Probanden nur für kurze Zeit in deren eigenem Umfeld – meist zu Hause – besucht und insgesamt 120 „episodisch-narrative“ Interviews mit ihnen geführt.

Beispiel für die vom Forscherteam erhobenen Netzwerkkarten. Sie zeigen die Personen, mit denen die Befragten mit und ohne Medien in Verbindung stehen.

Netzwerkkarte

Diese Form des Gesprächs beleuchtet nur einen bestimmten Lebensausschnitt der Befragten und gibt ihnen viel Raum, die eigenen Sichtweisen darzustellen. Zusätzlich bat das Team die Interviewten, alle Menschen, mit denen sie mit und ohne die Hilfe von Medien in Verbindung stehen, in eine Netzwerkkarte einzuzeichnen und ein Medientagebuch zu führen.

Die digital natives sind auf vielfältige Weise vernetzt

Die bisherigen Forschungsergebnisse beziehen sich auf die „digital natives“. Diese sind zwar umfassend digital vernetzt, das Bremer Wissenschaftlerteam hat aber verschiedene Vernetzungstypen ausgemacht: die „Lokalisten“, die „Zentristen“, die „Multilokalisten“ und die „Pluralisten“. Die von ihnen entwickelte Typologie verdeutlicht, dass die vielfältigen technischen Vernetzungsmöglichkeiten für junge Leute gegenwärtig nicht bedeuten, dass sie nicht auch „zu Hause“ verankert sind.

Insbesondere die „Lokalisten“ sind überwiegend auf ihr regionales Umfeld ausgerichtete junge Menschen und nutzen digitale Medien, um etwa mit ihrem Freundeskreis, dem örtlichen Fußballverein oder den Arbeitskolleginnen und -kollegen Kontakt zu halten. Die „Zentristen“ schließen sich zusätzlich zu lokalen Beziehungen auch mit Gleichgesinnten aus aller Welt zusammen. Zu dieser Gruppe gehören szeneorientierte oder religiöse Jugendliche und junge Erwachsene, die sich online organisieren. Demgegenüber sind die „Multilokalisten“ und „Pluralisten“ auf vielfältige Art und Weise vernetzt, zum Teil weil junge Menschen heute besonders mobil sind. Beispielsweise stehen sie über digitale Medien mit Menschen in Verbindung, die sie während ihrer Ausbildung oder ihres Auslandsstudiums kennengelernt haben.

Auch für die ältere Untersuchungsgruppe erwartet das Forscherteam, dass digitale Medien vor allem helfen, den Kontakt zu Freunden und Angehörigen zu halten. Denn viele Studien belegen, dass die neuen Kommunikationswege nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren, insbesondere von jungen Menschen genutzt werden, sondern gegenwärtig über verschiedene Generationen hinweg ein Breitenphänomen sind. Mit ihrem Projekt möchte die Bremer Forschungsgruppe einen Anstoß zum Nachdenken und zur kritischen und differenzierten Auseinandersetzung mit den medialen Gewohnheiten der heutigen Gesellschaft geben.

Steckbrief

Name des Projekts: Mediatisierte Welten translokaler Vergemeinschaftung

Standort: Universität Bremen

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Andreas Hepp; Matthias Berg, M.A.; Cindy Roitsch M.A.

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1505 „Mediatisierte Welten“

Förderung: seit 2010

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