Themenwelt: Kommunizieren
Youtube und ich
Broadcast Yourself! Der YouTube-Slogan scheint programmatisch für das neue Gesicht des Internets, des Web 2.0. Mit Videos auf YouTube präsentieren ganz gewöhnliche Menschen sich selbst oder ihre (vermeintlichen) Talente der Öffentlichkeit und hoffen, ihre Leidenschaften mit anderen teilen zu können und bekannt, wenn nicht sogar berühmt zu werden. Einige schaffen es, andere scheitern und gehen in der Masse des Angebots selbst gedrehter und professioneller Filme im World Wide Web unter.
Youtube und ich

Doch was bewegt Menschen dazu, sich selbst via Video im Internet zu präsentieren? Wie verändern sich dadurch die Kommunikationsformen und entstehen neue Formen von Gemeinschaft und Öffentlichkeit? Welche Rolle spielen die kommerziellen Anbieter solcher Internetdienste? Die Berliner Soziologen Boris Traue, Réne Wilke und Hubert Knoblauch sowie die Soziologin Anja Schünzel untersuchen, wie sich die Formen und damit Funktionen des sich Selbstthematisierens durch die neuen digitalen und sozialen Medien verändern. Dazu analysieren sie zum einen von Amateuren gedrehte Internetvideos, zum anderen führen sie mit den Videoamateuren Interviews und beobachten sie „in Aktion“.

Das Publikum hat
vielerlei Möglichkeiten
mit den Videos „umzugehen“.

Anschauen, bewerten, selbst produzieren

Ein Ergebnis ist, dass die Vielzahl an Medienformaten im Internet zur Verbindung unterschiedlicher Formen von Ästhetik und Kommunikation führt. Das Publikum kann ganz unterschiedlich mit den Videos „umgehen“: Es kann sie „liken“, „abonnieren“‚ „verlinken“ oder empfehlen, wird aber auch dazu animiert, selbst aktiv zu werden und Videos zu produzieren. Dem Publikum kommt damit eine Macht zu, die es in bisherigen audiovisuellen Medienformaten nicht hatte. Doch die Interaktion zwischen dem Videoproduzenten und seinem Publikum beschränkt sich meist auf das Bestätigen, Vernetzen und Kaufen der Medieninhalte. Das Forscherteam konnte aber auch eine Art „Videophilie“ – analog der Cinéphilie – ausmachen, also eine Kultur der Video-Amateurpraxis, in der Zuschauerinnen und Zuschauer kompetente Kritiker der Videoproduktionen und der sozialen Netzwerke werden und selbst in die digitale Kulturproduktion einsteigen.

Viele Internetfilme
zielen auf ganz
spezifische Wirkungen
beim Betrachter ab.

Außerdem stellten die Berliner Soziologinnen und Soziologen fest, dass sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit verschiebt. Die Formate von Webvideos – gerade in Video-Blogs („Vlogs“) – knüpfen etwa an die Präsentations- und Erzählweisen des Fernsehens an. So stellen viele Internetfilme Gedanken und Emotionen zwar so dar, als handele es sich um private Wahrnehmungen, aber sie zielen zugleich auf ganz spezifische Wirkungen ab – etwa dauerhafte Konsumentenbindungen. Bei der Selbstthematisierung überwiegen positive Emotionen und Aussagen. Das sogenannte „happy web“ gibt immer weniger Raum für negative Gefühle Frustration, Traurigkeit oder Wut.

Die Forschung des Berliner Soziologenteams betrachtet die Medienverhältnisse, in denen das Selbstthematisieren durch Internetvideos stattfindet kritisch, insbesondere nimmt es bestehende Machtverhältnisse und Ungleichheiten in den digitalen Medien in den Blick. Die Wissenschaftler sehen in der derzeitigen digitalen Gesellschaft die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung nur ungenügend abgebildet. Vor allem die Chancen auf neue Öffentlichkeiten und Amateurökonomien werden durch das weitgehende Fehlen einer digitalen Kulturpolitik vergeben. Ihre Forschung zeigt aber auch Lösungen auf, denn sie führt den Videoamateuren die Potenziale, aber auch die Gefahren des „New Screen“ vor Augen.

Steckbrief

Name des Projekts: Audiovisuelle Kulturen der Selbstthematisierung

Standort: Technische Universität Berlin

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Dr. Boris Traue; Anja Schünzel, B.A.; René Wilke, M.A.; Prof. Hubert Knoblauch

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe
Förderung: seit 2010

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