Themenwelt: Kommunizieren
Gesprächskiller Smartphone?
Handys und Smartphones sind heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Beim Warten an der Bushaltestelle sind sie ein willkommener Zeitvertreib. Unterwegs dienen sie mitunter dazu, mit Fremden nicht ins Gespräch kommen zu müssen. Selbst beim gemütlichen Beisammensein mit Freunden fällt es dem ein oder der anderen schwer, sich den gelegentlichen Blick aufs Handy zu verkneifen oder nicht doch zwischendurch schnell eine Facebook-Nachricht zu beantworten. Läutet diese Entwicklung das Ende des persönlichen Gesprächs im Alltag ein?

In dem Projekt „Alltagskommunikation unter mediatisierten Bedingungen“ untersuchen die Soziologinnen Angela Keppler und Julia Schleisiek, ob und wie sich unser alltägliches Gespräch durch Smartphone und Co. verändert. Um die neuen Kommunikationsformen zu erforschen, haben die Wissenschaftlerinnen eine besondere Herangehensweise gewählt. Statt in einem künstlichen, eigens geschaffenen Umfeld beobachten sie die Menschen live. Denn nur die Untersuchung im natürlichen Kontext verspricht aus ihrer Sicht Aufschluss darüber zu geben, wie Menschen Medien nutzen und was das für das alltägliche Gespräch bedeutet.

Statt in einem
künstlichen, eigens
geschaffenen Umfeld
beobachten sie die
Menschen live.

Die erhobenen Daten haben die Forscherinnen mit zwei verschiedenen Ansätzen analysiert; so wendeten sie zum einen die ethnomethodologische Konversationsanalyse an. Bei diesem Forschungsansatz werden Alltagsgespräche im Hinblick auf Regeln und Verfahren untersucht, mit denen die Kommunikationspartner ihre Interaktion praktisch gestalten. Zum anderen bedienten sie sich der wissenssoziologischen Gattungsanalyse, eine sozialwissenschaftliche Methode, die einen detaillierten Blick darauf wirft, wie Kommunikation abläuft und strukturiert ist.

Ein Knigge für die digitale Welt

Eine Beobachtung der beiden Mannheimer Wissenschaftlerinnen ist, dass es eine Art „Etikette“ für die neue Kommunikation gibt, die vorgibt, was sich gehört und was nicht. Diese verlässlichen sozialen Praktiken bilden sich vor allem in den beiläufigeren alltäglichen Gesprächsformen aus. Die Forscherinnen gehen davon aus, dass in Zukunft digitale Kommunikationstechnologien die Alltagsgespräche mehr und mehr prägen und durchdringen. Die Untersuchung zeigt, dass Medientechnologien und -inhalte die Unterhaltung durchaus beleben können – sei es der Verweis auf das Lieblingsvideo auf YouTube oder der Vergleich der „Freunde“ bei Facebook. Die neuen Inhalte und Technologien wirken zudem auf das „klassische“ Gespräch zurück: Vor allem junge Erwachsene, die sich unterhalten und gleichzeitig nebenbei chatten, integrieren den Chat fast gleichwertig in die Gesprächssituation. Außerdem fließen Fotos und Videos verstärkt in Alltagsgespräche ein: Man zeigt mehr und erzählt weniger. Das heißt jedoch nicht, dass weniger gesprochen wird: Die Bilder werden stets sprachlich eingeführt, erklärt und kommentiert.

Der Einzug der neuen Medien
lässt unsere Gesprächskultur
nicht verkümmern.

Die Ergebnisse von Keppler und Schleisiek illustrieren, dass sich die Kommunikation zwischen Menschen verändert. Doch bei aller Veränderung bilden sich Regeln heraus, wie bestimmte Gruppen sich definieren und miteinander austauschen. Die Basis für diese Regeln und auch für soziale Orientierungen und Werte ist nach wie vor die Alltagskommunikation. Außerdem überprüft die Studie Vorurteile über den Gebrauch von Smartphone und Co. und entkräftet viele davon: So lässt der Einzug neuer Medien in unseren Alltag nicht, wie von vielen Skeptikern angenommen, unsere Gesprächskultur verkümmern. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass diese Technologien als Informationsressourcen Alltagsgespräche eher befördern und beleben, statt sie zu blockieren.

Steckbrief

Name des Projekts: Alltagskommunikation unter mediatisierten Bedingungen

Standort: Universität Mannheim

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Prof. Dr. Angela Keppler; Dipl.‐Soz. Julia Schleisiek

DFG-gefördert im Programm: Einzelförderung/Sachbeihilfe

Förderung: seit 2012

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