Themenwelt: Kommunizieren
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Deutschland ist online: Im Jahr 2013 nutzen bereits mehr als drei Viertel der Deutschen das Internet – und dies wesentlich von zuhause aus. Computer, Laptop und Smartphone gehören heute genauso zum Medienrepertoire deutscher Haushalte wie Fernsehen oder Radio.

Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit Medien wird als „Mediatisierung“ bezeichnet. Doch wie verändern die neuen digitalen Medien die häusliche Welt? Haben die traditionellen Medien bereits ausgedient und verstauben künftig in Kellern oder auf Dachböden?

Die Kommunikationswissenschaftlerinnen Jutta Röser und Kathrin Friederike Müller untersuchen in ihrem Forschungsprojekt, wie Paare zu Hause Medien nutzen. Im Fokus steht dabei nicht der einzelne Mensch, sondern der Haushalt und die Kommunikationskultur der Paare, die ihr Zusammenleben mit Medien aktiv gestalten. Das Projektteam interessiert sich zum einen für die Verwendung des Internets und neuer digitaler Endgeräte, zum anderen aber auch für die Nutzung der klassischen Medien Fernsehen, Radio und Zeitung. Sie wollen außerdem folgende Fragen klären: Welche Rolle spielen Medien, wenn es darum geht, Geschlechterverhältnisse auszuhandeln? Wie entwickelt sich die häusliche Gemeinschaft, wenn digitale Medien ins Spiel kommen oder wenn die Außenwelt, beispielsweise der Beruf, über digitale Medien im Zuhause ständig präsent ist?

Um diese Fragen zu beantworten, begleitet das Team seit 2008 insgesamt 25 Haushalte, in denen 50 Männer und Frauen verschiedenen Alters und mit unterschiedlicher Schulbildung als Paare zusammenleben. Im Sommer 2013 haben die Forscherinnen die Paare zum dritten Mal besucht und qualitative Leitfadeninterviews – eine Form, bei der vorher festgelegte Fragen offen beantwortet werden können – geführt. Zusätzlich besichtigten und fotografierten die Forscherinnen die Räume, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner fernsehen und das Internet nutzen. So wollen die Forscherinnen verfolgen, wie die Menschen die verschiedenen Medien in ihren Alltag und ihren Haushalt zwischen 2008 und 2014 integriert haben.

Neue und alte Medien beeinflussen das Zusammenleben in Paarhaushalten

Das Projekt zeigt, dass das Internet heute nahezu selbstverständlich zum Alltag gehört und nicht mehr „neu“ und „fremd“ ist. Klassische Medien behalten dennoch ihre Relevanz. So hat das gemeinsame Fernsehschauen am Abend nach wie vor eine zentrale Bedeutung im häuslichen Alltag von Paaren. Trotz zahlreicher digitaler Fernseh- und Streaming‐Angebote treffen sich die Partner – unabhängig von Alter und Bildungsstand – abends vor dem Fernseher, um gemeinsam Zeit zu verbringen und sich auszutauschen. So bleibt das TV-Gerät im Wohnzimmer als Treffpunkt im zerfaserten Alltag wichtig. Auch die anderen „alten“ Medien Radio und Zeitung behalten ihre Bedeutung und Funktion: Nur ein kleinerer Teil der Haushalte nutzt zumindest eines dieser Medien komplett im Internet. In der Regel kombinieren die Paare neue und alte Medien zu einem für sie passenden „Medienmenü“.

Durch das Internet haben sich zahlreiche Tätigkeiten, die vorher „draußen“ stattgefunden haben, nach Hause verlagert: Die Paare erledigen ihre Bankgeschäfte und Einkäufe im Internet, sie buchen Reisen oder kaufen Bahntickets online. Ziehen neue (mobile) digitale Endgeräte in den Haushalt ein, verändert sich zudem die Raumgestaltung: Dank Laptops und Smartphones lässt es sich auch gemütlich von der Couch aus im Internet surfen, nicht mehr nur im speziell dafür eingerichteten Arbeitszimmer. Frauen und Männer nutzen das Internet inzwischen ähnlich intensiv. Die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann bleibt jedoch auch bei der Internetnutzung teilweise geschlechtsspezifisch: Technische Fragen werden vorwiegend von Männern recherchiert, Frauen befassen sich online häufiger mit Kinder- und Familienthemen.

Das Projekt der Münsteraner Wissenschaftlerinnen beobachtet „normale“ Menschen in ihrem „normalen“ Alltag und lässt sie selbst zu Wort kommen. Durch das breite Spektrum an Altersgruppen, Lebenssituationen und sozialen Hintergründen untersucht das Projekt die breite Mittelschicht, die in der Medienforschung bislang nur selten vertiefend untersucht wurde. So macht das Projekt deutlich, wie die „digitale Gesellschaft“ lebt, wohnt und arbeitet. Denn schließlich sind es die „Normalbürger“, die die Gesellschaft gestalten, die sich uns heute präsentiert. Anders als oft vermutet, finden in deutschen Wohn- und Arbeitszimmern keine radikalen Umbrüche, sondern eher schrittweise Veränderungen statt.

Steckbrief

Name des Projekts: Das mediatisierte Zuhause. Eine qualitative Panelstudie zum Wandel 
häuslicher Kommunikationskulturen

Standort: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Prof. Dr. Jutta Röser; Dr. Kathrin Friederike Müller

DFG-gefördert im Programm: Schwerpunktprogramm 1505 „Mediatisierte Welten“
Förderung:
seit 2012

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